Uniting Europe

In den kommenden Wochen hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu vor, in die USA zu reisen, um dort am 3.März bei der gemeinsamen Sitzung beider Kammern eine Ansprache an den Kongress über das iranische Atomprogramm zu halten, nur zwei Wochen vor den Wahlen in Israel. Die Einladung dazu erhielt er von John Boehner, dem republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses.

Photo by Ahuva Brenner

Dieses Vorhaben hat schon Wochen vor dem Event solch eine intensive Debatte ausgelöst, dass der Premiermnister bereits unterschiedliche Alternativen zum ursprünglichen Vorschlag erwägen soll. Das Für und Wider von Kommentatoren, Politikern, und Personen des öffentlichen Lebens, die sich für das Abhalten dieser Rede oder dagegen äußern, aber vor allem der Ton, in dem sie ihre Argumente vortragen, sollte ein Weckruf für uns alle sein. Unser größtes Problem ist nicht die Rede selbst, sondern die Uneinigkeit zwischen uns, die aus Schlagzeilen, Sendungen und allen Medienberichten lauthals schreit.

Die jüdische Nation wurde geboren, als wir uns verpflichteten, „wie ein Mensch mit einem Herzen“ zu sein. Zur gleichen Zeit wurde uns auch geboten, ein „Licht für die Völker“ zu sein. Unsere Quellen sagen uns, dass es nur einen einzigen Grund für unsere Vertreibung aus dem Land Israel gab: grundloser Hass. Seit Beginn unseres Exils haben wir es nicht geschafft, die Kluft, die unsere Nation spaltet, zu überwinden, und so entstand der Antisemitismus als solcher. Kurz gesagt: Es gibt Antisemitismus, weil wir angefangen haben, Uneinigkeit statt Einheit zu verbreiten.

Über Jahrhunderte hinweg wurden wir Opfer jeder Art von Grausamkeit, die der menschliche Verstand zu erdenken vermochte. Wir wurden beschuldigt, die Pest verursacht zu haben, das Blut christlicher Kinder zu trinken (heutzutage verbreitet sich die gleiche Geschichte in den muslimischen Ländern, nur diesmal mit muslimischen Kindern); Menschen durch Wucherei auszubeuten und zu berauben, Könige, Regierungen und Medien zu manipulieren, einen Komplott zur Übernahme der Weltherrschaft zu schmieden, den Kommunismus/Kapitalismus zu verbreiten, Ebola zu verbreiten, Genozid zu verüben und jüngst auch ISIS gegründet zu haben.

In einem Interview für JLTV (Jewish Life Television) sagte Botschafter Gideon Behar, Direktor der Abteilung für Antisemitismusbekämpfung im Israelischen Außenministerium, der Antisemitismus sei „wie ein Virus, der sich in unterschiedlichen Symptomen“ manifestiere, die Symptome seien aber „nie die Ursache“. Bis vor kurzem war diese Sicht eher abseits des Mainstreams. Nun beginnen wir endlich zu begreifen, dass der Antisemitismus immer da ist und lediglich spezifische Ausreden zu den jeweiligen Anlässen nutzt, um zutage zu treten.

Der Artikel von Yair Rosenberg Im Magazin Tablet: „Wer steckt hinter dem aufsteigenden Antisemitismus in Italien?“ demonstriert die opportunistische Weise, in der sich Antisemitismus auf die Oberfläche vorarbeitet. Rosenberg folgert: „Wenn man den wieder erwachenden Antisemitismus in Europa bekämpfen will, dass muss eine Kernwahrheit anerkannt werden: dass nämlich der Judenhass aus keiner spezifischen Gruppe stammt, weder von Muslimen, noch von Rechts- oder Linksradikalen. Stattdessen speist sich der Antisemitismus aus vielen unterschiedlichen Quellen. Augenscheinlich haben diese Gruppen kaum etwas gemeinsam, doch der Antisemitismus bezog seine Stärke stets aus seiner Fähigkeit, vollkommen unterschiedliche Weltanschauungen in den Bann vor Vorurteilen und Konspiration zu ziehen… Tatsächlich hätte der Antisemitismus niemals seinen eindrucksvollen Einfluss in Europa erreicht, besäße er nicht die Fähigkeit, Koalitionen über ideologische und religiöse Grenzen hinweg zu schmieden“.

Es scheint, als würden wir, anstatt ein „Licht für die Völker“ zu sein, die Welt gegen uns vereinen, in der Ansicht, wir seien die „Finsternis für die Völker“. Angesichts des globalen Antisemitismus zeigen wir beängstigende Ausmaße von Zerwürfnis, Uneinigkeit und tatsächlich auch grundlosem Hass. Dadurch vertiefen wir antisemitische Ansichten in Europa und in der Welt noch weiter.

Die Welt schaut uns bei jeder unserer Bewegungen, bei jedem Wort, jeder Geste zu. Die Uneinigkeit, die wir zur Schau tragen, wird sofort in antisemitischen Hasstiraden gegen uns genutzt. In seinem widerlichen Werk „Mein Kampf“ schrieb Hitler: „Der Jude ist nur vereint, wenn ihn die gemeinsame Gefahr dazu zwingt“. Heute würde sich diese Aussage als falsch erweisen – nicht einmal eine gemeinsame Gefahr kann uns noch zusammen bringen. Und da die Welt uns genau beobachtet, nimmt sie die Botschaft auf, die wir durch unser Beispiel von innerem Zerwürfnis, gegenseitigem Misstrauen, und wachsender Animosität untereinander verbreiten. Daher überrascht es nicht, wenn wir von hochrangigen Militärs beschuldigt werden, „alle Probleme in der Welt“ zu verursachen, und von Prominenten – „für alle Kriege in der Welt verantwortlich“ zu sein.

Da es die Medien sind, die unsere Ansichten in dieser vernetzten Ära formen, müssen wir gerade hier unsere „Antisemitismus-Umkehr-Kampagne“ beginnen. Es ist sinnlos, antisemitische Argumente als falsch zu widerlegen. Man wird uns keinen Glauben schenken, weil wir selbst gegenseitiges Misstrauen verbreiten. Stattdessen müssen wir uns auf das Positive konzentrieren: wir müssen zeigen, dass wir uns über unsere Differenzen hinweg vereinen können. Und je tiefgehender die Differenzen zwischen uns sind, desto eindrucksvoller wird es sein, wenn wir uns trotz ihrer vereinen. Wir dürfen das Ausmaß der Kluft zwischen uns weder stumm schalten noch herunterspielen. Wir müssen diese Kluft anerkennen, und uns über ihr vereinen. Das wird eine wahre Zurschaustellung von Sozialcourage und ein Vorbild für andere zum Nachahmen.

Unsere Nation hat immer Kontroversen gekannt, doch wir haben es stets geschafft, sie zu überwinden und gestärkt aus ihnen hervorzutreten. Die gegenwärtige Kluft, die uns zu verschlingen droht, ist nur eine neue Phase unseres Weges. Wenn wir die Differenzen als eine Herausforderung sehen, der wir als vereinte Nation begegnen müssen, dann werden wir der Welt das Gegenbeispiel zeigen zu dem, was wir im Moment geben.

„Gesellschaft ist die Einheit in der Vielfalt“, schrieb der anerkannte amerikanische Soziologe Prof. George Herbert Mead. Viele Jahrhunderte zuvor beschrieb unser eigenes Buch Sohar in einem Satz den gesamten Prozess der Gesellschaftsfusion über Differenzen hinweg (Acharei Mot): „Siehe, wie gut und wie angenehm ist es, wenn Brüder zusammen sitzen“: Dies sind die Freunde, wie sie zusammen sitzen, und nicht voneinander getrennt sind. Zunächst sehen sie aus wie Menschen im Krieg, die einander umbringen wollen. Und dann kehren sie zur Bruderliebe zurück“.

An einer anderen Stelle im selben Abschnitt heißt es: „Ihr, die Freunde, die ihr hier seid, und die ihr einst in Liebe und Herzlichkeit zueinander standet, ihr werdet euch von nun an nicht mehr trennen… Und durch euren Verdienst wird Frieden in der Welt sein, wie es geschrieben steht, „Zum Wohl meiner Brüder und meiner Freunde lasst mich sagen, „Friede sei mit euch“.

Amen.

 

Michael Laitman ist Professor der Ontologie, besitzt einen Doktortitel in Philosophie und Kabbala und einen Mastertitel in Medizinischer Biokybernetik. Er war Erster Schüler des Kabbalisten Rav Baruch Ashlag (Der RABASH). Laitman schrieb bis heute über 40 Bücher, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden. Dr. Laitman ist auch ein beliebter Redner. Für weitere Informationen über Michael Laitman besuchen Sie: michaellaitman.com (Deutsch)

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