Uniting Europe

Frieden zu machen (Shalom ) bedeutet, etwas ganz (shalem ) zu machen, wenn Gegensätze sich verbinden und etwas entsteht, was weder das Eine noch das Andere ist, sich jedoch aus beiden zusammensetzt.

Eingeschlagene Fenster und Schilder mit Aufrufen wie “Impeach!”, „Putins H-re!”, “Nicht mein Präsident!” waren Markenzeichen des Women’s March in Washington, D. C. und New York vor etwa drei Wochen. Prominente ereiferten sich in ausfallender Weise und taten auf der Bühne kund, davon zu fantasierten, das Weiße Haus nach dem Einzug des neuen Präsidenten in die Luft zu sprengen, während ein weltweit führendes Netzwerk über ein ” tragisches Scenario” sinnierte, in dem der gewählte Präsident ermordet wird, und die Demokratische Partei als Folge davon an der Macht bleibt. All das und mehr waren die “Willkommensfeierlichkeiten“ der Liberalen für die neue US-Administration. Hätten die Republikaner, wenn Hillary Clinton die Wahlen gewonnen hätte, sich ebenso verhalten? Und wenn ähnliche Proteste ausgebrochen wären, wäre der Ausgang der Wahlen anders gewesen, hätten Demokraten und Liberale diese Proteste als legitim betrachtet?

Es ist offensichtlich: die USA sind gespalten.

Women's March Washington,DC-USATed Eytan
Women’s March Washington,DC-USATed Eytan

Von Liberalismus zu Narzissmus zu Faschismus

Der Schriftsteller und Journalist Nicholas Kristof ist zweifacher Gewinner des Pulitzer Preises. Er arbeitet für CNN und schreibt seit 2001 eine Kolumne für die New York Times. Er ist nach eigenem Bekenntnis liberal progressiver Autor. Am 7. Mai 2016 verfasste Kristof eine Kolumne unter dem Titel „Ein Geständnis liberaler Intoleranz“, in der er die Bigotterie seiner progressiven Mitstreiter beklagt. „Die Universitäten sind das Grundgestein progressiver Werte“, schrieb Kristof darin, „doch die eine Art von Vielfalt, die die Universitäten missachten, ist die ideologische und religiöse Vielfalt. Wir haben kein Problem mit Menschen, die anders als wir aussehen, solange sie wie wir denken“. Am Ende einer langen und detaillierten Beschreibung der Voreingenommenheit gegen Konservative an Hochschulen kommt Kristof zu dem Schluss, dass „wir, die Progressiven, unsere Angriffe gegen die andere Seite kurz unterbrechen könnten, um in umfassenderer Weise Werte, die wir angeblich schätzen – wie Vielfalt – in unserem eigenen Herrschaftsgebiet zu berücksichtigen“.

Neun Monate, nachdem diese Kolumne geschrieben wurde, im Februar 2017, sehen wir, dass es nicht geschehen ist. Die Progressiven haben sich sogar noch stärker zurück bewegt, viel stärker. Sie de-legitimieren, dämonisieren und bevormunden jeden, dessen Sicht sich von der ihren unterscheidet. Diese selbsternannten Vorkämpfer der Demokratie unterdrücken Pluralismus, Gedankenfreiheit und Redefreiheit. Und sie tun all dies im Namen des Liberalismus, während sie sich in Selbstgerechtigkeit sonnen.

Aber die Liberalen sind in ihrer Bigotterie nicht allein. Voreingenommenheit und Engstirnigkeit existieren auf beiden Seiten des politischen Spektrums. In einer Generation des reinen Self-Entitlement sind viele Menschen von der Überzeugung, dass jeder Standpunkt legitim ist, solange wir einander keinen Schaden zufügen, abgekommen und über die Ansicht, dass nur mein eigener Standpunkt legitim ist, zu der Überzeugung gelangt, dass jeder, der mit meinem einzig legitimen Standpunkt nicht übereinstimmt, kein Existenzrecht hat oder zumindest keinerlei Mitspracherecht an irgendetwas haben sollte, was mein Leben betrifft.

Wir sollten daraus lernen. Es ist ein trauriger und leuchtender Beweis dafür, dass jede Ideologie – egal wie erleuchtend sie zu Beginn erscheinen mag, dazu vorprogrammiert ist, faschistisch und totalitär zu werden, wenn sie die zwischenmenschliche Verbindung nicht zu ihrer Toppriorität macht. Und da wir heute sehr viel egozentrischer sind als in den vorangegangenen Generationen, werden unsere pluralistischen, liberalen und demokratischen Ideologien sehr viel schneller authoritär und faschistisch als zuvor.

Ich bezweifle nicht, dass wenn die neue Regierung eine streng konservative Agenda durchsetzen wollte, diese bald scheitern würde. Im vorangegangenen Jahrhundert haben wir Nationen gesehen, die zur extremen Linken und zur extremen Rechten abgedriftet sind. Aber in all diesen Fällen kollabierte die Staatsführung, die Menschen rebellierten, ein Blutbad war die Folge, und alle litten. Wenn wir diesen Zyklus im 21. Jahrhundert wiederholen, werden High-Tech-Kriegsführung und Massenvernichtungswaffen die Gäueltaten des letzten Jahrhunderts wie einen Spaziergang im Park erscheinen lassen. Wir müssen die politischen Ansichten aus einer anderen Perspektive betrachten.

Das Ende der Hügelkönigstrategie

Der Talmud legt uns nahe (Shabbat 156 a), denjenigen, der eine Affinität für Blut besitzt, zum Metzger oder Chirurgen zu machen, denn andernfalls würde ein Mörder aus ihm. Wir sind alle verschieden, aber statt unsere Unterschiedlichkeit zu zelebrieren und die konstruktiven Beiträge unserer einzigartigen Perspektiven willkommen zu heißen, versuchen wir, die Sichtweise der Anderen zu eliminieren und uns selbst als die Eigentümer der Wahrheit zu positionieren. Dadurch verurteilen wir uns selbst zu Stagnation und Regression und führen unseren eigenen Untergang herbei, durch die Rebellion derer, deren Standpunkte wir unterdrückt haben, als wir an der Macht waren.

Diese Hügelkönig – Haltung, die die Menschheit seit Anbeginn der Geschichte kultiviert hat, hat sich selbst erschöpft. Wir haben unseren Lebensraum, den Planeten Erde, zerstört und unsere Gesellschaft ruiniert. Was immer wir tun, wie edel unsere Absichten sein mögen, wird korrupt und böse, eine Spiegelung unserer Haltung einander gegenüber. In den dreißig Jahren seit der Kommerzialisierung des Internets haben wir das Versprechen, die Nationen der Welt zu verbinden, in Online Shaming, Mobbing, Fehlinformation und Falschheit verwandelt. Nichts spiegelt unsere gegenseitige Misshandlung besser wider als das Internet. Aber wir können den Kurs ändern.

In der gesamten Natur schaffen Unterschiede eher Harmonie und Ausgleich als Unordnung. Die Artenvielfalt sichert die Stabilität der Ökosysteme, so wie die Vielfältigkeit der Organfunktionen in unserem Körper unsere Gesundheit sichert. Zum Beispiel arbeiten Leber, Herz und Nieren in sehr unterschiedlicher Weise, und alle brauchen Blut. Wenn wir nicht wüssten, dass diese Organe einander ergänzen, um unsere Gesundheit zu erhalten, könnten wir denken, dass sie um die gleiche Rohstoffquelle konkurrieren. Wenn jedoch nur eines dieser Organe fehlte, würden wir sterben.

Frieden verstehen

Ebenso wie unser Körper, ist „Menschheit“ nicht einfach eine Sammelbezeichnung für „viele Menschen“; sie beschreibt eine Einheit, deren Teile wir alle sind. Wenn wir einander weiterhin als voneinander getrennte Wesen betrachten, werden wir um unser Überleben kämpfen oder uns selbst mit Hilfe von Drogen oder anderen Substanzen ausschalten müssen, während wir darauf warten, dass dieses Ärgernis namens Leben vorübergehen möge. Wenn wir uns jedoch nur für einen Moment über unser belangloses Selbst erheben, werden wir eine gänzlich andere Realität entdecken- wo wir verbunden sind und einander gegenseitig unterstützen.

Im Buch Likutey Halachot (Ausgewählte Ratschläge) heißt es wie folgt: „Die Essenz der Vitalität, der Existenz und der Korrektur der Schöpfung wird durch Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, die in Liebe, Einheit und Frieden miteinander verschmelzen, erreicht“. Wenn unsere alten Weisen von Frieden sprachen, meinten sie damit nicht die Abwesenheit von Krieg. Um Krieg zu vermeiden, reicht es ganz einfach den Kontakt zu vermeiden. Das Wort Schalom (Frieden) kommt von dem hebräischen Wort Schlemut (Ganzheit, Vollkommenheit). Frieden zu schließen bedeutet ganzmachen, vervollkommnen. Man nimmt zwei Gegensätze und vereint sie in solcher Weise, dass sie ein neues Ganzes ergeben. Es ist eine Einheit, die weder das Eine noch das Andere ist, jedoch ein Abkömmling der beiden, eine Schöpfung, die nicht ohne die Beteiligung beider hätte erschaffen werden können und die jeder der beiden von ganzem Herzen liebt. Genau wie ein Mann und eine Frau gemeinsam ein Kind erschaffen, das weder die Mutter noch der Vater ist, sondern beider geliebte Schöpfung, so ist Friede die aus zwei Gegensätzen resultierende Ganzheit, die zwei gegensätzliche, miteinander in Konflikt befindliche Sichtweisen erschaffen.

Dies ist der Grund, warum der Talmud uns ermahnt, dass jede Neigung, und sei sie sogar mörderisch, in etwas Gutes verwandelt werden kann, wenn wir sie in richtiger Weise nutzen: um eine höhere Einheit zu erschaffen, indem man sie mit anderen Eigenschaften verschmilzt. In seinem Essay „Der Frieden“ schreibt Baal HaSulam: „Wenn die Menschheit ihr Ziel der vollkommenen Nächstenliebe erreicht, werden sich alle Körper in der Welt zu einem einzigen Körper und einem einzigen Herz verbinden. Wir müssen jedoch sorgsam darauf achten, die Sichtweisen der Menschen einander nicht so sehr anzunähern, dass Meinungsverschiedenheiten und Kritik beendet werden könnten, da Liebe in natürlicher Weise eine Nähe der Sichtweisen mit sich bringt. Sollten Kritik und Meinungsverschiedenheiten verschwinden, wird aller Fortschritt von Konzepten und Ideen aufhören, und die Quelle des Wissens wird austrocknen“.

Dies, fährt Baal HaSulam fort, sei „der Beweis dafür, dass wir mit der Freiheit des Individuums in Bezug auf Konzepte und Ideen vorsichtig umgehen müssen. Denn die gesamte Entwicklung der Weisheit und des Wissens basiert auf dieser Freiheit des Individuums. So müssen wir also sorgsam darauf achten, sie zu erhalten“. Wenn Liberale sich berechtigt fühlen, andere Sichtweisen zu verfemen, dann sind sie nicht länger Liberale; sie sind zu Tyrannen geworden, die unsere Gesellschaft zerstören. Ich bete darum, dass die jetzt anbrechende neue Ära nicht durch die Verlockung der Macht in die gleiche Falle gerissen wird.

Das Geheimnis der jüdischen Weisheit

Juden haben im Durchschnitt Erfolg im akademischen Sektor. Leider nutzen wir unser Können größtenteils für die falschen Ziele – um Reichtum und Macht zu erlangen. Aber die Wurzel unser Weisheit liegt nicht in unseren Genen; sie ist ein Überbleibsel der Weisheit, die wir über Jahrhunderte hinweg entwickelten und kultivierten, während wir Herrscher im Lande Israel waren. Dies ist die Weisheit, wie man widersprüchliche Sichtweisen miteinander verbindet und eine neue Einheit erschafft.nd eine neue Einheit erschafft.indet und eine neue Einheit erschafft. n Überbleibsel der weisheit, die wir über Jahrhunderte hi – den „Frieden“, indem man diese einander widersprechenden Standpunkte miteinander vereinigt.

Der Philosoph und Historiker Nicolai Berdyaev schrieb in „Die Bedeutung der Geschichte“: „Das Überleben der Juden, ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber der Vernichtung, ihre Ausdauer unter absolut widrigen Bedingungen sowie die schicksalhafte Rolle, die sie in der Geschichte spielten; all dies weist auf die besonderen und mysteriösen Grundlagen ihrer Bestimmung hin“. Auch Mark Twain wunderte sich in seinem Essay „Über die Juden“, über deren Überlebensfähigkeit: „Die Ägypter, die Babylonier und die Perser stiegen auf, füllten den Planeten mit Glanz und Glorie, verflüchtigten sich zu Traumgespinsten und starben dahin; die Griechen und Römer folgten, machten gewaltigen Lärm und verschwanden. Der Jude sah sie alle, schlug sie alle und ist heute was er immer war. Alle Dinge sind sterblich, nur der Jude nicht; alle anderen Kräfte schwinden dahin, aber er bleibt. Was ist das Geheimnis seiner Unsterblichkeit?“

Das Geheimnis ist der Same der Einigkeit über allen Unterschieden, der in uns schlummert, diese „Essenz des Friedens“, von der ich bereits sprach.

Uns Juden wurde das Volkssein erst gewährt, nachdem wir gelobten, uns „wie ein Mensch mit einem Herzen“ zu verbinden. In dem Moment, in dem wir uns damit einverstanden erklärten, wurden wir zu einer Nation erklärt und damit beauftragt, „ein Licht für die Völker“ zu sein. Wir wurden also unterrichtet zu demonstrieren, wie wir unsere Unterschiedlichkeit nutzen, um eine höhere Einheit, eine neue Schlemut, „Ganzheit“ zu erschaffen, anstatt miteinander um die Macht zu ringen. Dies haben wir bis auf den heutigen Tag nicht gemacht. Wir selbst sind Bigotterie und Spaltung anheimgefallen und bieten keinen Ausweg aus dem sich in der Welt intensivierenden Hass und Extremismus. Es ist kein Wunder, dass die Welt uns hasst; wir tun nicht was wir tun sollten.

Diejenigen Juden, die heute den Liberalismus anpreisen, tun dies nicht um Einigkeit über allen Unterschieden zu schaffen. Sie verschleiern bloß die Trennung der Gemüter und Herzen. Indem sie das tun, enthalten sie der Welt den einzigen Weg zum Frieden vor. In Folge dessen klagt uns die Menschheit – die unbewusst spürt, dass wir ihr den Schlüssel für die Linderung des Hasses verweigern – an, für alle Kriege in der Welt verantwortlich zu sein.

Nun, da Donald Trump an der Macht ist, müssen wir die Pause, die uns vergönnt wurde, zu unserem Vorteil nutzen und versuchen, uns über unseren Unterschieden zu verbinden. Anstatt den Liberalismus in Ehren zu halten, lasst uns den Pluralismus der Sichtweisen wertschätzen, die uns als Basis für eine höhere Einigkeit dienen. Wie ich oben bereits anführte, müssen wir unsere Unterschiede beibehalten und unsere Einheit über ihnen errichten.

Es ist ein erzieherischer Prozess, den wir alle durchlaufen müssen. Die jüdische Erziehung zielt nicht darauf ab, Menschen schlauer zu machen; es geht ihr darum, die Menschen Nächstenliebe zu lehren.

Dies ist das gesamte jüdische Gesetz. Wenn wir diese eine Regel befolgen, sind wir Juden. Wenn wir es nicht tun, sind wir alles, bloß keine Juden, und die Welt fühlt, dass wir kein Anrecht auf das Land Israel haben – und kein Existenzrecht in der Welt.

Amerika ist gespalten, und der Schlüssel für die Heilung der Trennung liegt in uns. Jetzt haben wir die Chance, eine Veränderung herbeizuführen. Wir müssen wir jedoch beeilen, bevor der Strom sich ein weiteres Mal gegen uns wendet.

 

 

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