Uniting Europe

Eine Introspektion an Rosch ha-Schanah, 1. Tischrei 5779

Was hat sich in diesem Jahr im Vergleich zum letzten Jahr geändert? Sind wir Juden sicherer?

Wenn wir das Weltgeschehen betrachten, sehen wir, dass sich die Situation unglücklicherweise verschlechtert hat. Wir stecken mittendrin, in einer breiten Welle des Hasses gegen Juden und Israel.

Antisemitismus überall

Die Zahl antisemitischer Vorfälle erreicht in Europa und Nordamerika einen Rekordwert. In Großbritannien wird die Labour-Partei von antisemitischen Skandalen erschüttert, und ihr Parteivorsitzender, Jeremy Corbyn, steht im Zentrum eines Kreuzzuges gegen Juden und Israel. Unter den gegenwärtigen Umständen erwägen britische Juden, das Land zu verlassen.

In Deutschland gehen Tausende Neonazis häufiger und unverblümter auf die Straßen, um Hitlers Gedanken und Ideale wiederzubeleben. Ihre letzten Kundgebungen entwickelten sich zu den gewalttätigsten Protesten seit Jahrzehnten und brachten sogar zeitweise die Polizei in Bedrängnis. Auch Frankreich, Polen, Österreich, Kanada und die USA schließen sich der Schar von Ländern an, in denen der Antisemitismus zunimmt. In den USA sind antisemitische Vorfälle ein weit verbreitetes Phänomen. Erst im vergangenen Jahr kam es laut Überwachungsgruppen zu einem Anstieg von 60%, dem größten Anstieg innerhalb eines Jahres.

Die wachsende Kluft zwischen den israelischen und amerikanischen Juden

Wie steht es um Israel? Galt Israel früher als ein Sicherheitsnetz für das jüdische Volk, ist es im Moment zur Quelle einer wachsenden Kluft zwischen den zwei größten jüdischen Gemeinden der Welt geworden: den israelischen und amerikanischen Juden. Jene in der Diaspora erwarten mehr Pluralismus vom jüdischen Staat, sowie Selbstbestimmung hinsichtlich der Art und Weise, wie sie ihre Jüdischkeit begreifen und leben. In der Einstellung gegenüber dem Umgang von Präsident Trump mit den Beziehungen zwischen den USA und Israel gibt es auch eine erhebliche Spaltung: 77% Zustimmung der Israelis, während nur 34% der amerikanischen Juden positive Ansichten äußern.

Während wir uns der introspektiven Periode von Rosch ha-Schanah annähern, wird es immer wichtiger, endlich zu verstehen, in welcher Lage wir uns befinden, was uns hierher geführt hat und wie wir von hier voranschreiten.

Rosch ha-Schanah: Der Beginn der Veränderung

Die Worte „Rosch ha-Schanah“ stammen von den hebräischen Worten „Rosh Hashinui“ – der Beginn der Veränderung. Abgesehen von dem Essen und den Familientreffen stehen jüdische Feste für ihre tiefgreifende Bedeutung. Rosch ha-Schanah ist nicht nur der Beginn des jüdischen Kalenders. Es ist ein Symbol der Erneuerung, wenn wir damit anfangen, in uns zu gehen und zu entscheiden, wie wir uns selbst verbessern wollen.

Wir kosten vom Kopf eines Fisches, um zu bekunden, dass wir der Kopf und nicht der Schwanz sein wollen, was bedeutet, dass wir unseren Weg selbst bestimmen und nicht blind der Herde folgen wollen. Wir essen Granatapfelkerne, wobei jeder Kern ein Verlangen darstellt, welches wir in unserem Inneren entdecken. Wir wollen lernen, das Verlangen nicht aus selbstsüchtigen Gründen zu gebrauchen, sondern um anderen zugute zu kommen. Außerdem essen wir einen Apfel, das Symbol der Sünde (der Selbstbezogenheit), und süßen ihn mit Honig, was wiederum symbolisiert, dass wir lernen, sogar diese Urversuchung altruistisch zu gebrauchen.

Jüdische Feiertage symbolisieren Phasen unserer Korrektur

Das Volk Israel prägte die Redensart „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und verwirklichte sie bis zur Zerstörung des zweiten Tempels in unterschiedlichem Maße. All unsere Feste symbolisieren Meilensteine auf dem Weg der Transformation vom bösen Trieb, dem Egoismus, zum Altruismus, zu der Eigenschaft, mit der wir unsere Nächsten wie uns selbst lieben können.

In der Mischna und der Gemara (und unzähligen anderen Texten) steht es geschrieben, dass der einzige Grund für die Zerstörung des zweiten Tempels unbegründeter Hass gewesen sei, kurzum; wenn der Egoismus die Führung übernimmt, dann fallen wir. Wir haben uns nur als Nation etabliert, als wir geschworen haben „wie ein Mensch mit einem Herzen“ zu sein. Als wir diesen Schwur gebrochen haben, wurden wir zerstreut und verbannt.

Nicht weniger wichtig als unser Schwur, gemeinsam eins zu sein, war das vereinnahmte Versprechen, dass wir ein Licht für die Völker sein würden. Welches Licht strahlen wir aber aus, wenn wir nicht miteinander verbunden sind? Wenn wir vereint sind und diese Einheit nach außen vermitteln, dann werden wir ein Licht für die Völker sein und können nicht mehr als „Kriegstreiber“ bezeichnet werden, da wir die Einheit verbreiten.

Juden müssen die wachsende Entfremdung in der Welt beheben

Das größte Problem heutzutage ist das globale Misstrauen, welches wir auf allen Ebenen sehen können. Unsere Illusionen zerbrechen, eine nach der anderen. Wem können wir noch trauen? Ich werden Ihnen die düsteren Beispiele ersparen, die diese rhetorische Frage beantworten. Allerdings ist es klar, dass wir uns zunehmend voneinander entfremden – das Gegenteilt der Einheit und der brüderlichen Liebe, die so überlebenswichtig in einer Welt sind, in der jeder auf jeden angewiesen ist.

Je mehr wir dem gegenwärtigen Trend folgen, desto größer wir der Druck sein, der auf die Juden ausgeübt wird. Tief im Inneren erinnert sich die Welt daran, dass die Juden einst das Geheimnis der eigentlichen menschlichen Verbindung kannten. Wenn diese Erinnerung an die Oberfläche kommt, werden die Bezeichnungen wie Kriegstreiber, Manipulatoren und anderen “Komplimente“ als Vorwürfe entlarvt werden, die bereits zum Teil des judenfeindlichen Fachjargons geworden sind.

Obwohl wir momentan nicht miteinander verbunden sind, sind wir es jedoch selbst, die unsere Einheit wiederbeleben können und müssen. Wir mögen zwar immer noch weit von der Einheit entfernt sein, aber ein Schritt in diese Richtung würde wenigstens eine Anerkennung der Unverzichtbarkeit dieses zu Unrecht vernachlässigten Wertes zum Ausdruck bringen.

Den Schlüssel zu unserem Glück finden

Demnach ist dieses Rosch ha-Schanah eine großartige Gelegenheit, um buchstäblich Rosh Hashinui auszuführen und damit zu beginnen, unser Verhältnis zueinander zu ändern. Während wir uns mit der Familie und den Freunden versammeln, müssen wir es uns zur Aufgabe machen, über unsere Unterschiede hinauszuwachsen und das gemeinsame Ziel der Einheit zu finden. Wenn wir dies tun, dann werden all die oben genannten Leiden verschwinden, denn wenn man sie genauer betrachtet, erkennt man, dass sie von einem einzigen Ursprung stammen – unseren überzogenen Egos.

 

Author :
Print

Leave a Reply