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Warum gibt es Antisemitismus?

Mit Blick auf die Kontroversen zur Frage, was antijüdischer Diskurs ist

Vor kurzem stand der Antisemitismus im Mittelpunkt eines semantischen Dilemmas, mit entgegengesetzten Perspektiven in Europa und den USA in Bezug auf die Frage, was als antisemitische und was als legitime Kritik an Israel erachtet wird. Es weicht von der eigentlichen Sache ab: Warum erfährt das Phänomen Antisemitismus eine dramatische globale Aufmerksamkeit, die nach aktuellen Studien mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs vergleichbar ist?

Die britische Labour-Partei, die sich in den letzten Jahren einer wachsenden Kritik an ihren antisemitischen Positionen ausgesetzt sah, übernahm ohne Einschränkung die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), welche die Bekämpfung der Holocaust-Leugnung und des Hasses sowie der Diskriminierung gegenüber Juden fordert. Allerdings fügten sie zusätzlich einen Vorbehalt zur „Meinungsfreiheit gegenüber Israel“ hinzu, das Recht, den jüdischen Staat und seine Politik zu kritisieren.

Gleichzeitig rollte die Trump-Regierung einen sieben Jahre alten Fall mit mutmaßlichem Antisemitismus an der Rutgers Universität wieder auf und unterstütze somit den Anspruch jüdischer Gruppen, die seit langem gegen antijüdische Vorurteile und die feindselige Umgebung an Universitäten in den USA, vorangetrieben durch die Bewegung „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS)“ gegen Israel, kämpfen. Wie Akademiker dieser Bewegung mit anerkennender Unterstützung entgegenkommen, wird am anschaulichen Beispiel eines Professors der Universität Michigan deutlich, der vor wenigen Tagen sein Angebot, ein Empfehlungsschreiben für eine Studentin zu schreiben, zurückgezogen hat, nachdem er erfahren hatte, dass sie in Israel studieren will.

Das Bildungsministerium der Vereinigten Staaten hat nun signalisiert, dass es bereit wäre, die Grenze zwischen der Kritik an Israel und der Diskriminierung jüdischer Studenten verschwimmen zu lassen, wobei Verurteilungen Israels, die dessen Rechtmäßigkeit und das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes in Frage stellen, als antisemitisch definiert werden würden. Ein solcher Schritt wird von einigen als Verstoß gegen den Ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten erachtet, sofern er umgesetzt wird.

Wir könnten mit vielen weiteren Beispielen zu diesem Thema fortfahren. Möglicherweise ist es jedoch an der Zeit, diese Angelegenheit aus einer tiefergehenden Perspektive auf die eigentliche Ursache des unbestreitbar bestehenden Antisemitismus und auf die Möglichkeit seiner Lösung zu untersuchen? Vor vier Jahren habe ich in der New York Times einen Artikel mit dem Titel „Wer bist du, Volk Israel?“ veröffentlicht. Da antisemitische Verbrechen und Bedrohungen sich seitdem nur zunehmend zugespitzt haben, möchte ich diesen Artikel erneut veröffentlichen, denn die Lösung dieses Problems liegt buchstäblich direkt um die Ecke. Es liegt an uns, die Lösung lieber heute als morgen zu erkennen.

Wer bist du, Volk Israel?

Schon immer und stets von Neuem werden wir unter Druck gesetzt und terrorisiert, bis uns schließlich ein Gefühl von Hilflosigkeit und Sinnlosigkeit befällt. Als Jude frage ich mich, was der Zweck dieses unerbittlichen Leids sein mag, das wir Juden durchleben müssen. Einige von uns glauben, dass sich die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs nicht widerholen könnten. Und dennoch sehen wir, wie leicht sich die Menschheit erneut zu einer ähnlichen Geisteshaltung verführen lässt, wie sie dem Holocaust voranging. Man hört es immer öfter, und nicht mehr nur unter vorgehaltener Hand: “Hitler hatte Recht”.

Doch es gibt Hoffnung. Wir können das Steuer noch herumreißen und alles, was dazu nötig ist, ist, dass wir uns des größeren Zusammenhanges bewusst werden.

Wo wir heute stehen und woher wir kamen

Die Menschheit befindet sich an einem entscheidenden Scheideweg. Einerseits sind wir in unserem Überleben durch die Globalisierung alle voneinander abhängig, andererseits ist uns dieser Zustand zutiefst verhasst, denn wir wollen frei und selbstbestimmt leben. Es ist eine unhaltbare Situation mit hochexplosivem Potential! Wir müssen uns entscheiden, welche Richtung wir einschlagen. Um die richtige Entscheidung zu treffen und auch zu verstehen, wie wir Juden in dieses Dilemma kamen, müssen wir einen Blick zurück werfen.

Das Volk Israel entstand bekanntermaßen im alten Babylon, das sich vor 4000 Jahren zwischen dem heutigen Iran und Irak befand. Eine aufstrebende Zivilisation lebte in diesem sehr fruchtbaren und weiten Land; die Menschen dort fühlten sich alle miteinander verbunden und teilten dasselbe Schicksal. In den Worten der Thora: „Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte.“ (Genesis, 11:1).

Doch je enger ihre Verbindung wurde, desto mehr wuchs auch ihr Ego. Sie fingen an, einander auszubeuten und zu hassen. Sie fühlten sich also gleichzeitig verbunden und wegen ihres wachsenden Egos auch voneinander getrennt und entfremdet. Die Babylonier fühlten sich in die Zange genommen und suchten in ihrer Not verzweifelt nach einer Lösung.

Zwei Lösungen für die Krise

Die Suche nach einer Lösung brachte die Babylonier zu zwei unterschiedlichen Ansätzen. Der erste Ansatz, den Nimrod, der babylonische König vorschlug, war logisch: Er argumentierte, dass wenn die Babylonier nur weit genug voneinander entfernt wären, wieder Frieden unter ihnen herrschen würde.

Im Gegenzug dazu behauptete Abraham, ein bekannter babylonischer Weiser, dass Zerstreuung und Flucht voreinander keine Lösung seien. Er erklärte, dass die Menschheit gemäß dem natürlichen Entwicklungsgesetz dazu bestimmt sei, sich zu vereinen. Also versuchte er, die Babylonier jenseits ihres wachsenden Ego miteinander zu verbinden. Abrahams Methode sollte dazu dienen, die Menschen jenseits ihrer persönlichen Egos zu vereinen.

Er begann, diese Methode unter seinen Landsleuten zu verbreiten. “Es versammelten sich um ihn Tausende und Zehntausende und… Er pflanzte diese Lehre in ihre Herzen“ – so schreibt Maimonides (Mishne Tora, Teil 1). Die übrigen wählten Nimrods Weg – die Zerstreuung, wie streitende Nachbarn, die sich aus dem Weg zu gehen versuchen. Jene, die sich über den Erdball zerstreuten, wurden zu dem, was wir heute unter der „menschlichen Gesellschaft“ verstehen.

Erst jetzt, 4000 Jahre später, können wir ermessen, wer von beiden Recht hatte: Abraham oder Nimrod.

Das Fundament des Volkes Israel

Abraham und seine Schüler wurden von Nimrod aus Babylon vertrieben und zogen in jenes Land, das später als das „Land Israel“ bekannt wurde. Diese Gruppe von Schülern strebte entsprechend Abrahams Lehre „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nach Einheit und Zusammenhalt. Dadurch entdeckten sie etwas völlig Neues – „die Kraft der Einheit“ – die verborgene Kraft der Natur.

Alles in der Wirklichkeit Existierende besteht aus zwei entgegen gesetzten Polen – Verbindung und Trennung – die sich gegenseitig ins Gleichgewicht bringen. Doch die Menschen und die Gesellschaft als Ganzes nutzen hauptsächlich die negative Kraft – das Ego. Entsprechend dem Plan der Natur sind wir verpflichtet, die negative Kraft bewusst durch die Kraft der Einheit zu kompensieren. Abraham enthüllte die Weisheit, die Harmonie bringt – wir kennen sie als „Weisheit der Kabbala“.

Israel bedeutet „Direkt zum Schöpfer“

Abrahams Schüler nannten sich selbst Yisrael (Israel) – entsprechend ihrem Verlangen Yashar El (“direkt zum Schöpfer” zu gelangen). Sie wollten die Kraft der Einheit der Natur entdecken, um ihr Ego, das ihnen dabei im Weg stand, in Harmonie zu bringen. Durch ihre Verbindung fanden sie sich selbst in der Kraft der Einheit der Höheren Kraft wieder, der Wurzel aller existierenden Kräfte.

Sie lernten weiter, dass in dem Prozess der menschlichen Entwicklung jene Babylonier, die Nimrods Weg folgten und sich auf der ganzen Welt zerstreuten und zur heutigen menschlichen Gesellschaft wurden, auch diese Einheit erreichen müssten. Dieser Widerspruch zwischen dem Volk Israel, welches sich durch die Einheit formte, und den übrigen Völkern, die sich auf der Basis der Trennung entwickelten, ist auch heute deutlich zu spüren.

Exil

Nachdem Abrahams Schüler – das Volk Israel – Babylon verließen, lebten sie fast 2000 Jahre lang im Einklang miteinander; während all dieser Zeit war die Einheit der höchste Wert des Volkes. Alle Streitigkeiten, die auftauchten, wurden zu dem alleinigen Zweck genutzt, die Liebe zwischen ihnen zu intensivieren.

Vor fast 2.000 Jahren jedoch brach das Ego trotzdem ungezügelt hervor, und grundloser gegenseitiger Hass machte sich breit. Ihre egoistische Entfremdung wurde zur Ursache für das “Exil”. Israels Exil ist tatsächlich eher ein Exil von der Einheit als ein physisches Exil aus demLand Israel.

Entsprechend der inneren Entfremdung im Volk Israel zerstreute es sich auch physisch unter den Völkern der Erde.

Zurück in die Gegenwart

Heute erreicht die Menschheit einen ähnlichen Zustand wie damals im alten Babylon: Einen Zustand gegenseitiger Abhängigkeit einerseits und einen Zustand gegenseitigen Hasses und Entfremdung anderseits. Und da wir in unserem „globalen Dorf“ vollkommen voneinander abhängig sind, ist die Methode Nimrods nicht länger brauchbar.

Um wieder die Balance zu erlangen, müssen wir beginnen, Abrahams Methode anzuwenden. Und deswegen muss das jüdische Volk den Heilungsprozess der menschlichen Gesellschaft anführen. Wenn wir, die Juden, diese Aufgabe nicht aus freien Stücken übernehmen, wird uns die Welt dazu zwingen.

In diesem Zusammenhang sind die Worte Henry Fords, des Gründers der Ford Motor Company und eines der berühmtesten Antisemiten aller Zeiten erwähnenswert, der in seinem Buch The International Jew — The World’s Foremost Problem schrieb: „Die Gesellschaft erhebt großen Anspruch (dem Juden) gegenüber, dass er … zu erfüllen beginnt, was ihm seine Besonderheit niemals zu erfüllen erlaubte – nämlich die alte Prophezeiung, dass durch ihn alle Völker der Erde gesegnet werden sollten.”

Die Wurzeln des Antisemitismus

Nachdem sich die Welt tausende Jahre lang angestrengt hatte, mit Hilfe von Nimrods Weg eine erfolgreiche menschliche Gesellschaft zu gründen, geben die Völker nun auf. Sie verstehen, dass die Lösung zu den vielfältigen Problemen nicht in technischen, ökonomischen oder militärischen Errungenschaften liegt. Unbewusst spüren sie, dass der Schlüssel in der Einheit zu finden ist; sie fühlen, dass die Methode zur Verbindung irgendwo im Volk Israel verborgen liegt, und sie demzufolge von den Juden abhängig sind. Dies führt dazu, dass sie die Juden für alles die Schuld geben, da diese ihrer Meinung nach den Schlüssel zum Glück und Frieden in der ganzen Welt besitzen.

In dem Moment, als das israelische Volk von seiner hohen Stufe der Nächstenliebe fiel, stellte sich unter den Völkern der Welt der Hass auf die Juden ein. Und daher bringen uns die Völker durch den Antisemitismus dazu, die Methode der Verbindung für alle zu enthüllen. Rav Kook, der erste Oberrabiner Israels, drückte diesen Umstand so aus: „Amalek, Hitler und all die anderen erwecken uns hin zur Erlösung.” (Schriften des Raiah, Band 1)

Doch das Volk Israels selbst ist sich nicht bewusst, dass es eine Lösung für alle Probleme in der Hand hält. Und dass der Antisemitismus darin wurzelt, dass das Volk Israels diese Methode der Verbindung, den Schlüssel zum Glück besitzt: Die Weisheit der Kabbala.

Pflicht zur Enthüllung der Weisheit

Die Welt stöhnt unter dem Druck zweier entgegengesetzter Kräfte: Der globalen Kraft der Verbindung und der trennenden Kraft des Egos – und so fallen wir in einen ähnlichen Zustand zurück, wie er einst in Babylon existierte. Doch heute können wir uns nicht weiter zerstreuen und damit unser Ego beruhigen. Unsere einzige Option liegt darin, an unserer Verbindung und Einheit zu arbeiten. Wir müssen unserer Welt die positive Kraft hinzufügen, die die negative Kraft unseres Egos ausbalanciert.

Das Volk Israel, die Nachkommen jener Babylonier, die Abrahams Lehre folgten, muss die Weisheit der Kabbala verwirklichen. Sie müssen ein Beispiel für die ganze Menschheit sein und zu einem „Licht für die Völker“ werden.

Das Gesetz der Natur sieht vor, dass wir alle den Zustand der Einheit erreichen. Doch es gibt zwei Wege, um zu diesem „Happy End“ zu gelangen: 1) Den Weg des Leids mit Kriegen, Katastrophen, Plagen und Naturkatastrophen – oder 2) den Weg der stufenweisen Ausbalancierung des Ego – Abrahams Weg. Der letztere ist jener, den wir vorschlagen.

Einheit ist die Lösung

Nur durch die Liebe werden wir erfolgreich sein, oder wie es das Buch Sohar sagt: „Alles steht auf der Liebe“ (Abschnitt VaEtchanan), da „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ die große Regel der Thora ist, wie Rabbi Akiva zu sagen pflegte.

Es ist die Substanz der Veränderung, die die Kabbala der Menschheit bietet. Das jüdische Volk ist zur Einheit verpflichtet und muss Abrahams Methode mit der gesamten Welt teilen.

In seinem Kommentar zum Sohar schreibt Rav Yehuda Ashlag, Autor des Sulam-Kommentars: “Es liegt am israelischen Volk, sich und die gesamte Menschheit bereit zu machen und sich zu entwickeln, bis alle die heilige Arbeit der Nächstenliebe auf sich genommen haben, den Weg zum Zweck der Schöpfung.” Wenn wir dieses erreichen, dann werden wir auch die Probleme der Welt lösen können, den Antisemitismus eingeschlossen.

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